Widerstand im Warschauer Ghetto
Man hat die Schicksalsergebenheit bewundert, mit der die jüdischen Menschen in den Tod gingen. Aber wenn etwas bewundernswert ist, so der unbeugsame Lebenswille der Verfolgten in einem jahrelangen heroischen Kampf, in dem jeder dem Tode abgetrotzte Tag
und jedes Stück Brot für die Kinder eine gewonnene Schlacht über die Mörder war, die ihren Tod schon beschlossen hatten.

Viele, die eine Razzia im Versteck überlebten oder aus den Ghettos ausbrachen, die den Erschießungskommandos entkamen oder aus den Todeszügen sprangen, gingen in die Wälder zu den Partisanen.

Aber selbst in den Ghettos und Lagern nahmen die Menschen den Kampf auf. Symbol für allen Mut und alle Opfer ist der heldenhafte Aufstand des Warschauer Ghettos gegen die endgültige Liquidierung im April 1943, über den uns ausgerechnet die SS einen illustrierten Bericht hinterlassen hat.
Michel-Nr. Polen 1391
Aus dem Bericht des SS-Generals Stroop, „Führer der Großaktion“:

24. April 1943. Um 18.15 traf die Durchsuchungskampfgruppe nach Abriegelung der Gebäude ein und stellte die Anwesenheit einer großen Anzahl von Juden fest. Da diese Juden zum großen Teil Widerstand leisteten, gab ich den Befehl zum Ausbrennen. Erst nachdem der Straßenzug und zu beiden Seiten sämtliche Höfe in hellen Flammen

standen, kamen die Juden zum Teil brennend aus den Häuserblocks hervor bzw. versuchten sich durch einen Sprung aus den Fenstern und Balkonen auf die Straße, auf die sie vorher Betten, Decken und sonstige Teile geworfen hatten, zu retten. Immer wieder konnte man beobachten, daß trotz der großen Feuersnot Juden und Banditen es vorzogen, lieber wieder ins Feuer zurückzugehen, als in unsere Hände zu fallen.
Michel-Nr. Israel 1259
Nach den großen Deportationen des Sommers 1942 war in dem entvölkerten Ghetto vorübergehend Ruhe eingekehrt. Lange Zeit klammerten sich die Zurückgebliebenen an jede noch so schwache Hoffnung. Die Nachricht, daß alle Deportierten, eine ganze Stadt voller Menschen, getötet worden waren, schien ihnen zu wahnsinnig, um glaubhaft zu sein. Es dauerte lange, bis die Menschen begriffen, welches Ende sie ohne Ausnahme erwartete.
Im Januar 1943, als die Deportationen wieder aufgenommen werden, kommt es zum ersten bewaffneten Ausbruch. Himmler befiehlt daraufhin, das Ghetto abzureißen. Heimlich, während der Nacht, graben die Menschen tiefe Stollen in die Erde. In fieberhafter Arbeit werden primitive unterirdische Bunker gebaut, die den Frauen und Kindern vor den Menschenfängern Schutz bieten sollen.
Michel-Nr. Polen 3444 Michel-Nr. Polen 2866
Am 19. April brechen die SS-Sturmtruppen ins Ghetto ein. Die jüdische Widerstands-organisation ZOB unter der Führung von Mordechai Anielewicz liefert den Verbänden der Waffen-SS und der Polizei erbitterte Gefechte. Heldenhaft verteidigt die Jugend des Ghettos das Leben ihrer wehrlosen Mütter und Geschwister. Fast ohne Waffen, mit der Kraft der Verzweiflung, kämpft sie um jede Straße, jedes Haus, jeden Keller. Ca. 12000 Juden fallen in den Kämpfen, weitere 7000 werden zumeist mit Nebelkerzen vergast. 28 Tage und Nächte währt die Schlacht. Die deutschen Verluste sind gering (ca. 100 Tote und Verwundete). Das gesamte Warschauer Ghetto wird eingeebnet.
Michel-Nr. Israel 417
Michel-Nr. Israel 930-32, Block 24
„Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr“ . . .
Alle, die nicht im Kampf fallen, werden nach Treblinka in die Gaskammern verschleppt. Nur wenige entkommen aus dem brennenden Kessel. Aber der Aufstand beweist Unterdrückern und Unterdrückten, daß Selbstachtung und menschliche Würde auch inmitten von Mord und Brutalität nicht gänzlich ausgerottet werden können. In den Ghettos von Bialystock, Tschenstochau und Wilna folgt man dem Warschauer Beispiel. Selbst in den Todeslagern von Treblinka und Sobibor gibt es blutige Aufstände, in Auschwitz-Birkenau stecken tapfere Häftlinge sogar ein Krematorium in Brand.

Die Juden waren nicht allein in diesem Kampf, wenn es auch zu wenige waren. In Frankreich legten junge Menschen aus Solidarität den gelben Stern an. In Holland streikten die Arbeiter aus Protest gegen die Deportationen. In jedem Lande, auch in Deutschland, fanden sich mutige Priester und Arbeiter, Beamte und Offiziere, die für die Verfolgten eintraten oder sie unter Lebensgefahr für die eigene Familie bei sich aufnahmen.

Es gab Helden, wie den Feldwebel Anton Schmidt, der Tausende von Juden in Wilna vor der Erschießung rettete, den Fabrikanten Oskar Schindler in Krakau, der seine jüdischen Arbeitshäftlinge bei Kriegsende in Sicherheit brachte, oder jenen Stubenältesten in Auschwitz, der eine Gruppe von 158 jüdischen Kindern in seinem Wohnblock versteckte. In Berlin gab es tapfere Frauen, die für die Freilassung ihrer jüdischen Männer öffentlich demonstrierten, und einem Domprobst Lichtenberg, der in seiner Kirche „für die Juden und die armen Gefangenen in den Konzentrationslagern“ betete. Genannt werden müssen noch Raoul Wallenberg, ein schwedischer Diplomat in Budapest, der Widerstandskämpfer Herbert Baum und der deutsche Diplomat, der durch rechtzeitige Warnung den meisten dänischen Juden die Flucht nach Schweden ermöglichte.