Johanna, Hermann, Margot; 8, 17 und 16 Jahre alt: Drei Wuppertaler Kinder, die heute vor 50 Jahren die Stadt Wuppertal als „Untermenschen“ verlassen mußten. Nie mehr hat man von ihnen gehört.
Reise in die Hölle ohne Chance auf Wiederkehr
Vor 50 Jahren: 233 Wuppertaler Juden nach Minsk transportiert
Johanna war acht Jahre alt, als sie Wuppertal verließ. Hermann, aufgewachsen an der Alsenstraße, zählte 17 Jahre, ein Jahr jünger war Margot. Ein Junge und zwei Mädchen, die ihre Heimatstadt verlassen mußten; drei von 233 Männern, Frauen und Kindern, die vor 50 Jahren einen außerplanmäßigen Zug nach Düsseldorf bestiegen. Drei von 233 Wuppertaler Juden, deren Fahrt im Ghetto von Minsk endete. Zurück kam niemand.

Nach dem ersten Massentransport im Oktober 1941 begann der zweite Ausmarsch ins Ghetto. Hatten die Nationalsozialisten zunächst die Juden zur Flucht gedrängt, aus Deutschland herausgeekelt, begann nun die Vernichtung; die Ausreise war den Juden verboten. Da lebten noch etwa 1000 jüdische Wuppertaler in der Stadt, seit dem 1. September verpflichtet, den gelben Stern zu tragen.

Monate vor der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 über die „planmäßige Endlösung der Judenfrage“ begannen die Deportationen. Auf der „Verschickung“ nach Minsk im besetzten Weißrußland war wieder ein Säugling - Denny Rosenberg - der jüngste Betroffene.

Über die Lebensbedingungen im Ghetto schrieb der Generalkommissar: „Die Juden selbst werden in den nächsten Wochen wahrscheinlich verhungern oder erfrieren. Sie bilden für uns eine ungeheure Seuchengefahr . . .“

Aufgelöst wurden die beiden Ghettos im September 1943. Niemand kehrte aus der „Hölle von Minsk“ nach Wuppertal zurück. Nicht Denny, nicht Johanna, nicht Hermann. Von etwa 1000 Wuppertaler Juden überlebten etwa 150. Ihr Verschwinden konnte der Bevölkerung wohl kaum verborgen bleiben.

Quelle:
Westdeutsche Zeitung,
Montag, 11. November 1991